Auslöschung Extinction Gosselin

Regie Julien Gosselin

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Critique extinction Gosselin

Auslöschung / Extinction von Julien Gosselin, nach Thomas Bernhard, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, erforscht die letzten Augenblicke einer Welt, die dem Untergang geweiht war, und feiert die Lebenskräfte des Theaters. Die als Triptychon konzipierte, fünfstündige Aufführung macht sich einen Spaß daraus, die Stellung des Publikums zu erschüttern. Als unfreiwilliger Figurant, Zuschauer oder entschlossener Akteur wird der Zuschauer dazu gebracht, an dem teilzunehmen, was sich vor seinen Augen aufbaut oder dekonstruiert.

Auslöschung : Über der Leere tanzen

Alles beginnt mit einem Gang durch den Hof des Lycée Saint-Joseph, der in eine Trinkhalle verwandelt wurde. Während sie darauf warten, dass die Türen geöffnet werden, sitzen die Zuschauer an den Tischen, trinken einen Schluck oder gehen spazieren und unterhalten sich. Kein Warten auf den Sitzplatz. Wenn der Zuschauer den Saal betritt, sieht er auf der Bühne einen DJ und Menschen mit Bier in der Hand, die um Synthesizer und Plattenspieler herumstehen. Ein Elektrokonzert hat begonnen.

Mit der Zeit, während sich die Nacht senkt, wird die Musik immer lauter. Die Spots blinken und folgen dem Pulsschlag des Klangs, der den Raum erfüllt. Auf die Steinwände und die Leinwände werden die Schatten der Musiker und der Sängerin vor einem gelben Hintergrund projiziert. Zwischen dem Rauch zeichnen sich die Schatten des Publikums ab, das eifrig tanzt, wie die anonymen Silhouetten einer glücklichen und lebendigen Masse.

Kameraleute filmen die Menge. Bald entdeckt man auf den Bildschirmen einige Schauspieler. Sie haben sich unter die feiernden Menschen gemischt. Wie sie tanzen sie mit einer Flasche in der Hand. Die Zuschauer auf der Bühne wurden zu unfreiwilligen Statisten in der Aufführung Auslöschung. « Deine Freundin! Sie sucht nach dir! Deine Freundin! Sie sucht dich! », sagt einer der Darsteller zu einer Frau.

Die Kamera richtet sich nun auf das Gesicht dieser Frau (Rosa Lembeck), das sich wie ein roter Faden durch die Aufführung zieht. Ebenso wie das ihrer Freundin (Victoria Quesne, die uns in Le Passé so gut gefallen hat), die sich durch die Menge drängt, um sich ihr anzuschließen. Während die Musik weiterläuft, verlassen die beiden Schauspielerinnen die Bühne. Sie sitzen an eine Wand gelehnt in einem Korridor, der vom Zuschauerraum aus sichtbar ist, und werden in einem intimen Moment der Anspannung gefilmt. Das Publikum auf der Bühne wie auch das im Saal schaut sich nun die Bilder des « Stücks » und der Figuren an. Diese geschickte und verführerische Mise en abyme schließt den ersten Teil ab.

Sichtbar und unsichtbar

Julien Gosselin ist nun assoziierter Künstler an der Volksbühne Berlin. In Auslöschung teilen sich deutsche und französische Schauspieler die Bühne. Der Austausch wechselt von einer Sprache in die andere, ohne dass es zu Unterbrechungen in den Dialogen kommt. Julien Gosselin übertrug der von Rosa Lembeck gespielten Figur die schwierige Aufgabe, als Bindeglied zwischen den drei Teilen des Stücks zu fungieren. Sie geht durch die Menschenmenge des Eröffnungskonzerts. Im zweiten Teil wohnt sie der gefilmten Aufführung bei, in der ihre Schauspielkollegin mitspielt. Im Schlussmonolog schließlich schlüpft sie in die Rolle von Franz-Josef Murau, dem Erzähler in Thomas Bernhards titelgebendem Buch « Aussterben – ein Zusammenbruch ».

Zwischen dem Konzert und dem Schlussmonolog inszeniert der zweite Teil einen gesellschaftlichen Abend in einer vornehmen Villa. Das Bühnenbild und die Kostüme schreiben das Bild in die Wiener Gesellschaft des Fin de siècle ein, wie sie Arthur Schnitzler beschrieben haben könnte. Julien Gosselin bleibt seiner Arbeit mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren treu und vertraut den Kameras die Aufgabe an, das Gespielte zu enthüllen.

Die schwarz-weißen Bilder, die manchmal nur von Kerzenlicht beleuchtet werden, stehen im Kontrast zu den Farben des Bühnenbildes. Auf der Bühne befinden sich die Schauspieler praktisch außerhalb der Sichtweite des Zuschauers. Nur das Auge der Kameras offenbart uns die Realität der Bühne. Aber, indem wir sie organisieren, durch die Platzierung der Kameraleute, den Blickwinkel oder durch den im Vorfeld gewählten Schnitt. Die Augen des Publikums richten sich auf die Bildschirme, den einzigen Zugang zur Aufführung, der ihnen gestattet ist. Die Virtuosität der Arbeit ist wieder einmal verblüffend.

Killerspiele

Der zweite Teil von Auslöschung beginnt mit Bildern von liegenden, ermordeten Körpern. Die Kamera spürt in jedem der Räume die leblosen, blutigen Formen auf.. Der Film endet ebenfalls mit einem Tötungsspiel. Die Protagonisten in traditionellen, bunten und blumigen Wiener Kleidern stehen im Kreis. Sie amüsieren sich und zeigen lachend auf einen von ihnen. Der Mann stellt sich in die Mitte und wird von einer Frau mit Holzschlägern bearbeitet. Das Gelächter ist groß und die makabre Farandole geht weiter. Bis es zu einer weiteren Umkehrung kommt. Die Protagonisten werden wieder zu Schauspielern. Die Aufführung endet. Die Schauspieler legen ihre Kleider ab und kommentieren ihre Darbietung. Der Abbau des Bühnenbildes, der vor den Augen des Publikums stattfindet, schließt den zweiten Teil des Triptychons ab.

Zu Beginn des dritten Teils fordert ein Text etwa fünfzig Zuschauer auf, auf die Bühne zu kommen. Sie besetzen, auf Stühlen sitzend, den bogenförmigen Raum vor einer kleinen Bühne. Auf diese Weise ändert das Publikum erneut seinen Status. Es wird zum freiwilligen Akteur des weiteren Verlaufs der Aufführung, ohne zu wissen, was passieren wird. Ein Vortrag sollte stattfinden, aber die Rednerin (Rosa Lembeck), die unter dem Schock einer Nachricht steht, kann ihn nicht halten.

Wie der Held in Thomas Bernhards Roman hat sie gerade vom Tod ihrer Eltern und ihres Bruders erfahren. Sie steigt auf die Bühne und hält einen langen Monolog, in dem sie ihren Ekel und ihre Wut ausspuckt, gegen ihre katholische, nazistische Familie und gegen ihr Land, Österreich. Eine wütende Melodie ergießt sich lange über die Bühne, während die Kameras die sitzende Schauspielerin aus verschiedenen Blickwinkeln filmen. Die Leistung von Rosa Lembeck ist wirklich beeindruckend, da Bernhards Text aus Wiederholungen, Zorn und Übelkeit aufgebaut ist.

 

Auslöschung, inszeniert von Julien Gosselin, stellt immer wieder die Frage nach dem Platz des Individuums auf der Bühne und im Zuschauerraum. Fröhlich und ernüchternd organisiert die Aufführung ihr Ende. Vom Lärm zur Wut, vom Elektro-Set zum Wort einer Frau, die die Worte wie einen Sprung ins Leere wirft.

Die LM von M Die Bühne: LMMMMM

Auslöschung

Festival von Avignon 2023

Berlin :

Volksbühne am Rosa-Luxembourg-Platz

Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Carine Goron, Zarah Kofler, Rosa Lembeck, Victoria Quesnel, Marie Rosa Tietjen, Maxence Vandevelde und Max Von Mechow.

Text: Thomas Bernhard, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal.
Übersetzung: Francesca Spinazzi / Panthea
Adaptation und Regie: Julien Gosselin
Bühnenbild: Lisetta Buccellato
Dramaturgie: Eddy d’Aranjo und Johanna Höhmann.

Regieassistenz: Sarah Cohen und Max Pross.
Musik: Guillaume Bachelé und Maxence Vandevelde.
Licht: Nicolas Joubert
Videos: Jérémie Bernaert und Pierre Martin Oriol
Ton: Julien Feryn
Kostüme: Caroline Tavernier
Video-Rahmen: Jérémie Bernaert, Baudouin Rencure

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